Wenn’s am Schönsten ist, soll man aufhören – ein Rückblick

Unser Blog neigt sich langsam dem Ende zu. Die letzten Einträge werden entworfen, korrigiert und publiziert. In diesem Beitrag möchte ich meine Erfahrungen mit euch teilen. Selbst ein Blog zu schreiben und in regelmässigen Abständen Beiträge zu veröffentlichen war für mich eine völlig neue Erfahrung. Es hat Spass gemacht und ich habe viel über das Individuum 4.0 gelernt. Ich habe aber auch gesehen, wie viel Aufwand hinter so einem Blog steckt. Deshalb Hut ab vor denen, die das über eine längere Zeit machen. Es ist nämlich nicht immer einfach, sich ein neues Thema aus den Fingern zu saugen, über das man Bloggen kann. Da war es schon hilfreich, dass wir uns im Vornherein Gedanken über mögliche Themen gemacht haben. So konnte man immer mal wieder ins Konzept reinschauen und sich Ideen holen. Manche Themen sind in unserem Konzept aber nicht zu finden, da beim Recherchieren und Schreiben oft Aspekte und Ideen auftauchten, die man vorher nicht auf dem Radar hatte. Dies machte das Schreiben von Blogeinträgen aber auch interessanter, da man sich so mit Themen auseinandersetzen konnte, die einem selber interessieren oder die man selber wissen wollte. Ganz neu für mich war die Erfahrung und der Gedanke, dass das was ich schreibe öffentlich zugänglich ist und es jeder lesen kann. Da macht man sich öfters mal Gedanken „habe ich das richtig recherchiert?“ oder „stimmen die Quellenangaben?“. Es half, dass die Beiträge vor der Veröffentlichung von einem Gruppenmitglied gegengelesen wurden. So konnten Ungereimtheiten nochmals abgeklärt und korrigiert werden. Alles in allem fand ich das Bloggen eine gute Erfahrung. Ich hoffe auch, dass die Beiträge spannend sind und der eine oder andere Beitrag euch zum Nachdenken angeregt hat. So zum Beispiel die Beiträge zum Thema Datenschutz und Kontrolle oder vielleicht fandet ihr die Beiträge zu den digitalen Rollen interessanter? Mal ganz ehrlich, wer würde nicht gerne als Digitaler Nomade arbeiten und dabei die Welt sehen? Klar für das ganze Leben könnte ich mir das nicht vorstellen, aber eine Zeitlang schon. Und wer weiss, vielleicht ist jenes das Arbeitsmodell der Zukunft? Wir dürfen auf jeden Fall gespannt sein, wie sich das Individuum 4.0 in der Zukunft schlägt.

Nun bin ich auch schon am Schluss meines letzten Beitrags. Diese sechs Beiträge haben ganz schön viel Spass gemacht, sie waren aber auch zeitintensiv.

An dieser Stelle möchte ich euch für das Lesen unserer Blogbeiträge und das Kommentieren danken.

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Die stetige Ambivalenz

Der verstorbene Science-Fiction-Autor Douglas Adams stellte einmal drei Regeln auf: „Erstens: Alles, was es bereits gibt, wenn wir geboren werden, ist normal, gewöhnlich und ein natürlicher Teil der Welt. Zweitens: Alles, was zwischen unserem 15. und 35. Lebensjahr erfunden wird, ist neu, aufregend, und revolutionär. Drittens: Alles, was nach unserem 35. Lebensjahr erfunden wird, ist gegen die natürliche Ordnung der Dinge.“

Ich bin 27 Jahre alt. Das Internet und die Digitalisierung an sich – ist Teil meiner natürlichen Welt, dessen Gebrauch für mich alltäglich. Viele neue Dinge, welche diese technische Revolution mit sich bringt, finde ich aufregend und faszinierend. Andere wiederum sind mir suspekt, gegen unsere Natur, gehören für mich nicht hier her. Ich bin im ständigen Zwiespalt. Steige ich nach der Arbeit in den Bus, bin ich umgeben von einer neuen Spezies, den sogenannten Smombies. Ich bin genervt und denke – was für ein Trauerspiel. Kein Mensch der mir nach Feierabend einen wohlwollenden Blick zuwirft, kein amüsantes Teeniegespräch, welchem ich neugierig lauschen könnte. Wie denn auch, sie starren ja alle auf ihre Smartphones. Was mache ich nun – gut dann halt erst mal WhatsApp checken. Schon nach kurzer Zeit drifte ich selbst in die digitalen Sphären ab. Die Omi mit dem Gehstöckchen neben mir, welche meinen Sitzplatz weitaus besser brauchen könnte, bemerke ich jetzt schon gar nicht mehr.

Ich steige aus dem Bus, laufe die Strassen entlang, den Blick immer noch auf den Bildschirm gerichtet. Hupen, rote Ampel. Gefährlich, deswegen werden für den abwesend umherwandelnden Smombie bereits neue Massnahmen entwickelt, um diesem Problem entgegenzuwirken. Zum Beispiel Bodenampeln, sogenannte Bompeln, welche rot blinken, wenn ein Tram sich nähert, oder eine App, bei welcher der Smombie direkt eine Warn-Nachricht auf dem Display erhält, sobald die Ampel auf Rot wechselt.

Nun ja, bin ich dann unversehrt zu Hause angekommen, logge ich mich auf Facebook ein. Ich poste keine Bilder von mir, vergebe keine Likes und meine Timeline ist komplett leer. Laut einer Social Media Nutzertypologie würde ich den sogenannten Lurkers angehören (to lurk = herumschleichen), den stillen Beobachtern. So schaue ich mir also die geposteten Bilder, Kommentare und Videos anderer an und dies über Stunden. Wieso mache ich das? Ich habe keine Ahnung. Beim Nutzerverhalten von diesen besagten anderen, welche gerne und ausgiebig posten, könnte sich in Zukunft jedoch ein Wandel abzeichnen. Bereits jetzt beklagt Facebook, dass immer weniger private Inhalte gepostet werden. Schluss mit Babybildern, Hochzeitsfotos und Co.? Nun ganz so ist es nicht, es scheinen aber familiärere und flüchtigere Netzwerke, wie beispielsweise Snapchat, immer beliebter zu werden (Moorstedt, 2016).

Ich bin gespannt, in welche Richtung sich das Ganze entwickeln wird. Und nun, liebes Individuum 4.0, welche Botschaft könnte ich dir für die Zukunft mitgeben? Da ich die Botschaft für mich selbst noch nicht einmal kenne – leider keine. Zu gross ist die Unsicherheit, der Widerspruch. Darum entlasse ich dich jetzt in die digitalen Sphären und sage Adieu.

Zum Abschied noch ein wenig Musik 🙂

 

 

Data Love – Love Privacy

Ich stehe vor einem Konflikt – einem inneren Konflikt, den wohl einige kennen und für den es möglicherweise keine befriedigende Lösung gibt. Der Konflikt heisst „Data Love“ – oder bessergesagt, Roberto Simanowski beschreibt in seinem Essay „Data Love“ diesen Konflikt mit diesem Begriff so treffend, dass ich mir die Bezeichnung hier ausleihen werde.

Was bedeutet denn „Data Love“: Einfach ausgedrückt heisst es soviel wie: Wir alle lieben Daten. Und das tun wir tatsächlich. Weiss ich die Antwort auf eine Frage nicht, google ich sie schnell. Will ich eine Person, die ich soeben (analog) getroffen habe, wiedersehen, suche ich sie (digital) auf Social Media-Kanälen, schaue mir ihre Fotos und Posts an und mache mir ein Bild von ihr. Ich informiere mich und analysiere die gefundenen Daten. Und Simanowski (2015, S.7-8) stellt fest: „Wir sind so hungrig nach Information wie freigiebig mit ihr. […] Wir sind auf einer Mission der permanenten Daten-Produktion als Beitrag zur Erkenntnis: für Wirtschaft, Medizin, Gesellschaft. Wir glauben an Fortschritt durch Analyse.“

Wir leben in einer Informationsgesellschaft – wir wollen und generieren die Information gleichzeitig. Mit dem Smartphone, dem Tablet, überhaupt allen technischen Geräten stellen wir unsere ständige Informiertheit sicher. Wir sind rund um die Uhr und überall erreichbar, online, am Puls der Zeit. Spürt ihr ihn, den Puls? Der Rhythmus entspricht wahrscheinlich unserer Click-Quote und befriedigt somit auch das Big-Data-Mining, „die computergesteuerte Analyse großer Datensammlungen auf bestimmte Gesetzmäßigkeiten und unbekannte Zusammenhänge hin“ (Simanowski, 2015) – auf die wir doch so scharf sind.

Simanowski erklärt den Begriff wie folgt (S.9): „Data Love ist ein Phänomen der Kontroll- wie der Konsumgesellschaft im Zeitalter ihrer digitalen Verfasstheit. Sie vollzieht sich im Interesse derer, die der Datenschutz retten will.“

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Bild: Quantcast / dribble

Hier also der Clinch.

Genauso sehr wie ich, sowie auch die meisten Leute der heutigen Informationsgesellschaft die Daten lieben, will ich mein Recht auf Selbstbestimmung nicht verlieren. Während ich im Internet surfe, dies und das lese, meine Clicks hinterlasse, wird damit im Hintergrund mein Datenprofil mit immer mehr Information über mich bereichert. Diese Daten gebe ich freiwillig preis – ob ich meine Ferien buche oder auf Facebook etwas poste. Und doch will ich meine Privatsphäre schützen. Ich wünsche mir weder, dass alles was ich im Netz hinterlasse analysiert wird, noch, dass man für immer und ewig darauf zugreifen kann. Werde ich in Zukunft nur noch verschlüsselte Nachrichten versenden, im nicht-trackenden Browser surfen und anonym auf Foren posten? Und wird das auch wirklich sicher sein, so wie das alle diese Unternehmen versprechen? Wohl kaum – bereits jetzt werden die Firmen, die Privatsphäre versprechen, gehackt, so auch der Genfer Mailanbieter Protonmail.

Harald Welzer und Michael Pauen machen uns auf die Bedrohung unserer Freiheit in ihrem Buch „Autonomie. Eine Verteidigung“ aufmerksam und rufen dazu auf, die „Fähigkeit zu selbstbestimmtem Handeln gegen Widerstände“ auszuüben (Roedig, 2015). Sprich, bewusster mit unseren Daten umzugehen. Denn „Autonomie und Demokratie [hängen] wesentlich von Privatheit [ab und] genau diese Privatheit [wird] im Zuge der jüngsten Entwicklungen der Kommunikations- und Informationstechnologien massiv erodier[t]“ (Roedig, 2015). Darum geht es auch. Darum, das Recht auf Privatheit wieder ins Bewusstsein zu rufen und einen bewussten Umgang mit unseren Daten zu erlernen.

Simanowski (2015, S.14) stellt sich zu Recht die Frage, „warum Menschen als Staatsbürger auf eine Privatsphäre pochen, die sie als Konsument leichthin preisgeben.“ Aber trotzdem soll das Recht auf Privatsphäre nicht untergraben, ja vergessen werden!

Meine Botschaft: Liebt die Daten, aber lehrt einen bewussteren Umgang mit dem Publizieren eurer privaten Schätze und hinterfragt euer Handeln, bevor ihr etwas ins Netz stellt.

 

Sei unberechenbar!

Alles fliesst

Offline SF
Bild: SF

Ich wäre gern offline. Meistens.

Alles fliesst, alles ist einem permanenten Wandel unterworfen. Durch die äusseren Veränderungen ändert sich das Individuum. Es ist wichtig, diese Veränderungen zu verstehen und daran teilzunehmen. Dazu gehört es, in der digitalen Welt mitzuschwimmen und doch seinen eigenen Weg zu suchen.

Aber wie angenehm ist es doch, die digitale Welt ein Weilchen hinter sich zu lassen und ungestört zu sein von Handy und Laptop?!

Wobei…

Ein perfekter Tag sieht für mich so aus: Unterwegs in den Bergen, zu Fuss oder mit dem Fahrrad. Wenn ich die Gegend nicht kenne, bin ich auf jeden Fall mit einer Karte unterwegs, die mir hilft, den richtigen Weg zu finden. Apropos finden: Spannend ist es, neue Wege zu nehmen und sich per Wander-GPS ans Ziel führen zu lassen. Dank SBB-App auf meinem Handy komme ich auch jederzeit wieder per ÖV nach Hause. Bei einer mehrtägigen Wanderung oder einer Velotour helfen GPS und Handy dabei, die nächste Beiz oder Unterkunft zu finden. Der Regenradar der Wetter-App warnt mich rechtzeitig vor dem nächsten Schauer.

Die digitale Abstinenz. Gar nicht so einfach, wenn man sich mal an die elektronischen Helferlein gewöhnt hat. Aber erholsam ist es schon, das Handy lautlos zu stellen und den Blick nicht von einem Bildschirm begrenzen zu lassen, sondern den eigenen Horizont zu erweitern. Wichtig ist es, in Bewegung zu sein und zu bleiben. Ab und zu Zeit und Ruhe zu haben, offline nachzudenken.

Zweiundvierzig

Ich bin online. Oft.

„42“. Das ist die Antwort, die der Computer „Deep Thought“ nach jahrhundertelangen Berechnungen den Zuhörenden gibt. Die Antwort auf „…the ultimate question about life, the universe and everything“, wie Lesern des Science fiction-Romans „The hitchhiker’s guide to the galaxy“ bekannt sein dürfte. Da die Frage unbefriedigend beantwortet wurde, wird die Erde gebaut, um wiederum die passende Frage zu ermitteln (Adams, 1979, S. 143).

Fragen stellen sich tatsächlich viele für die Erde und ihre Bewohner. Computer können vieles besser als wir Individuen. Sie können gut rechnen, mit Wiederholungen umgehen, und sehr gut Daten auswerten. Computer haben bereits viele einfache Fragen beantwortet. Sie sind aber nicht dazu in der Lage, komplexe Fragen zu beantworten. Auch heute noch müsste jeder Computer vor einer Sinnfrage kapitulieren.

Aber, ein „Deep thought“ von heute hätte seinem Urahnen schon mal das Tempo voraus. Aber nicht nur das. Computer und Roboter können automatisierbare Aufgaben effizienter, günstiger und ohne Pausen erledigen. Wichtig ist es darum, dass wir Individuen damit beginnen, uns Kenntnisse und Tätigkeiten anzueignen, die nicht automatisierbar und berechenbar sind.

Der Professor für Medien- und Informatikdidaktik Beat Doebeli Honegger zitiert in seinem Buch: „Mehr als 0 und 1: Schule in einer digitalisierten Welt“ den Informatikprofessor Klaus Haefner, der bereits in den 80ern prophezeite, dass bestimmte Berufsgruppen durch Digitalisierung und Automatisierung leichter ersetzbar werden als andere (Doebeli Honegger, 2016, S. 47).

Keinem Computer wird es gelingen, die „Unberechenbaren“ zu ersetzen, laut Haefner sind das Kreative, Unternehmer, Lehrer, Ingenieure und diejenigen, deren Tätigkeit stark an mitmenschliche Kommunikation gebunden ist. Darum wird es immer wichtiger werden, diese Kompetenzen zu fördern. Die Schule selbst muss dazu einen gewaltigen Denkschritt machen, um diesen Veränderungen Rechnung zu tragen. Weniger Auswendiglernen und Stoff abfragen, sondern ganzheitliches Systemdenken, Filterkompetenz und die Wichtigkeit des lebenslangen Lernens sind Inhalte, die in der Schule vermittelt werden sollten. Selbstverständlich gehören Medien-, Informatik- und Anwendungskompetenzen ebenfalls zu den für die Zukunft wichtigen Fähigkeiten (ebd. S. 46- 54).

Unkonventionelles Denken und Querdenken, Teamfähigkeit und Sozialkompetenz sind darum wichtige Fähigkeiten, die sich das Individuum in Zukunft aneignen sollte (Doebeli Honegger, 2016, S. 47).

Unberechenbar

Worauf kommt es also für das Individuum der Zukunft, das Individuum 4.0, an?

Meine Antwort darauf lautet: „Unberechenbar“ zu sein und zu bleiben, Veränderungen positiv mitzutragen und immer (die richtigen) Fragen zu stellen.

„Human enhancement“ –das Schattenzeitalter?

humanEnhancement
Bildquelle: UNAFF 2013. Individual to Universal. FIXED: The Science/Fiction of Human Enhancement.

Geben wir es doch zu, wir sind alle abhängig vom Internet und unseren Geräten. Ohne Internetzugang empfinden wir einen Mangel und ohne Smartphone gehen wir nicht mehr aus dem Haus. Dabei beinhaltet das Gerät alles was wir brauchen: Die Agenda, den Busfahrplan, die Gesundheitsdaten, Bankverbindungsmöglichkeiten, Spiele-, Fitness- und Dating-Apps. Und wenn wir uns nicht über das Smartphone vernetzen, tun wir es eben über das Notebook, das Tablet, die Smartwatch etc., „weil sich der Mensch ohne Technologie unvollständig fühlt und durch Enhancement über sich hinaus gehen will. Der Körper ist das nächste, das letzte Interface, das Auge wird zum Bildschirm, die Hand zum Smartphone oder zur Tastatur. Der Mensch wird hybrid, zum Teil des Internets“ (Cachelin, Herzog, 2014).

„1.5.1 Ausdifferenzierung provoziert Individualisierung“

Mit zunehmender Individualisierung in der heutigen Multioptionsgesellschaft wird der soziale Druck immer stärker, sich zu profilieren, sich besser, stärker, schöner darzustellen. In der analogen Welt geht das Individuum ins Fitnessstudio, zum Friseur, lässt sich operieren oder tätowieren. In der digitalen Welt postet es Beiträge und Fotos auf Social Media und anderen Kanälen. Dabei wird nur das Schöne und Gute gezeigt, die Schattenseiten blieben verborgen – denkt man.

Im Browserbuch „Schattenzeitalter“ von Joël Luc Cachelin und Leander Herzog kann man in 216 Gedankenräumen das Thema Digitalisierung, Internet und deren Einfluss auf unser Leben und unsere Zukunft entdecken. Der Grundgedanke ist auf Goethe zurückzuführen: „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.“ Während das Internet die Individualisierung revolutioniert und Transparenz schafft, ermöglicht es auch „Desinformation, Überwachung und Manipulation(Cachelin, Herzog, 2014).“ Das Browserbuch beschreibt unsere Wirklichkeit als Kaleidoskop und ermöglicht uns ein ebenso kaleidoskopisches, non-lineares Lesen – auf Desktop, Tablet und Smartphone.

„Human Enhancement“

Es ist aber nicht nur die Multioptionsgesellschaft, sondern auch der bereits sehr hohe und zunehmende Leistungsdruck in unserer Gesellschaft. Dieser führt dazu, dass wir unsere Leistung immer mehr steigern und unseren Körper optimieren wollen. Wir nehmen dafür sogar in Kauf, mit unseren Geräten zu verschmelzen. Doch wie hybrid können wir werden?

In seinem Artikel „Der aufgemotzte Mensch“ beschreibt Michael T. Ganz „human enhancement“ als „die Verbesserung des Menschen durch den gezielten Einsatz von Techniken“. Und ganz richtig weist er uns darauf hin, dass es sich hierbei nicht um eine Verbesserung der Lebensumstände einer Gesellschaft handelt, sondern der einzelne Mensch, das Individuum als Teil der Gesellschaft, der Gegenstand gezielter Eingriffe wird.

„Noch ist das Verwachsen mit dem Internet erst geistiger Natur. Aber die körperliche Vereinigung zeichnet sich ab“, steht im Gedankenraum 3.1.3 (Cachelin, Herzog, 2014).

Die nächste Stufe des Enhancements ist der implantierte Chip im Gehirn – womit wir uns selber zu einem Gerät entwickeln. Wie weit entfernt sind wir dann noch von der Maschine? Sind das die Individuen 4.0?

„3.2.6 Die Individualisierung ist ebenso Tatsache wie Trugbild“

Im Schattenzeitalter ist das Individuum Schnittpunkt seiner Netzwerke. „Je mehr wir alle Teil desselben Netzwerks sind, desto mehr werden wir Teil derselben Wirklichkeit, desto stärker besteht auch die Gefahr, dass die Vielfalt der Wirklichkeit reduziert wird (Cachelin, Herzog, 2014).“

Je mehr wir versuchen unsere Individualität im Netz preiszugeben, desto unsichtbarer werden wir als Individuen darin und verschmelzen zu einer Masse gleichgesinnter digitaler Identitäten. So ist die „Individualisierung und Standardisierung die Kehrseite derselben Medaille (ebd.)“.

Ist das nicht das Gegenteil von dem, was sich der Mensch, das Individuum, erhofft und darf man deshalb zu Recht vom Schattenzeitalter sprechen?

Die Macht des Einzelnen im Kollektiv

„Vieles, was wir uns als persönliche Ziele erträumen, lässt sich nicht ohne die Unterstützung anderer realisieren“ und „in den arabischen Ländern eröffnen soziale Medien die Möglichkeit, sich zu vernetzen und gemeinsam gegen die Zwänge der Despoten und Diktatoren aufzubegehren, um in Freiheit zu leben und individuelle Chancen wahrzunehmen“ (zukunftsInstitut, 2016).

So da haben wir es. Das Internet. Es bringt durchaus auch sinnvolles hervor  :). Es ermöglicht dem Einzelnen sich zu informieren, sich politisch zu äussern und sich damit eine eigene Meinung zu bilden. Und es wird vor allem dann interessant, wenn dieses Potenzial hinsichtlich politischer Belange ausgeschöpft wird. So auch geschehen Anfang dieses Jahres bei uns in der schönen Schweiz. Ein klares Nein – zur Durchsetzungsinitiative der SVP. Der menschlichen Vernunft sei Dank. Ein kleines Wunder, denn nicht wenige Monate vor der Abstimmung lagen die Umfragewerte mit 66% noch bei einem klaren Ja. Wie kam es also noch zu dieser Kehrtwende? Einer der möglichen Gründe für dieses Ergebnis: die Interaktion in sozialen Netzwerken. In den Wochen vor der Abstimmung wurde fleissig gepostet, gelikt, getwittert und das von jedem einzelnen Individuum. Die Profilbilder auf Facebook wurden ausgewechselt, so erschien meist nur noch ein schlichtes NEIN, anstatt das gewohnte Selfie. Bei Twitter machte der Hashtag #DSInein die Runde. Angetrieben wurde diese Dynamik vor allem durch die Gegenkampagnen der Durchsetzungsinitiative, wie beispielsweise jene der politischen Bewegung Operation Libero. Die Organisation, welche von jungen Studenten gegründet wurde, setzte gezielt Social Media ein, um sich vor allem bei den jüngeren Bürgern Gehör zu verschaffen. So wurde beispielweise über Facebook auf die Widersprüche und Gefahren der Initiative aufmerksam gemacht. In den sozialen Netzwerken kam es dieser Tage dann vermehrt zu Debatten, welche Schlagwörter wie Rechtsstaat, Verhältnismässigkeit, Gewaltenteilung etc. beinhalteten (Schmid, 2016). Es fand ein Diskurs statt, zwischen Gegnern und Befürwortern und zwischen jenen, welche sich ansonsten vielleicht nicht wirklich für Politik interessieren.

Dies soll hier kein Lobgesang auf die sozialen Medien an sich werden. Jene sind letzten Endes nämlich nur Mittel zum Zweck. Ein Kommunikationstool, welches von uns einzelnen Individuen bespielt wird. Sie helfen jedoch schlussendlich dabei, die persönliche Einstellung einzelner Individuen, gerade auch was gesellschaftlich wichtige Themen anbelangt, einer breiteren Masse zugänglich zu machen und auf diese Weise Überzeugungsarbeit zu leisten. Das einzelne Individuum erkennt, dass es mit seiner Haltung nicht alleine da steht. Sobald sich dann diese einzelnen Individuen zu einer Einheit formieren, welche alle die gleiche Botschaft aussenden, nämlich – Nein nicht mit uns – kann das durchaus einiges ins Rollen bringen.

Etwas bewegen möchten auch jene Einzelne die an sogenannten Smartmobs teilnehmen. Dabei mobilisieren sich Personen, welche sich vorher noch nie begegnet sind mit Hilfe von Internet oder SMS, um sich an einem meist öffentlichen Ort zu treffen und gemeinsam auf Missstände und wichtige Themen aufmerksam zu machen. Im Gegensatz zum Flashmob, bei welchem der Spass im Vordergrund steht, verfolgt der Smartmob vor allem politische Ziele. Auch in der Schweiz haben in der Vergangenheit bereits solche Smartmobs stattgefunden. Dabei ging es beispielweise um den Schutz vor Waffengewalt oder das Exportverbot von Kriegsmaterial.

Mit Hilfe des Internets und infolge der Nutzung von modernen Kommunikationsmitteln, entsteht somit eine ganz neue Art der politischen Partizipation. Wir dürfen also gespannt sein wie sich diese Thematik in der Zukunft des Individuums 4.0 weiter entwickeln wird.

We are sharing

 „Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen“ (Don Bosco).

In einigen unserer Blogbeiträge haben wir uns mit dem Individuum, dem Einzelnen, beschäftigt. In der Natur dieses Einzelnen liegt es, sich selbst zu verwirklichen, aber auch, nach Gemeinschaft zu suchen. Dieses Miteinander findet nicht mehr nur in der nächsten Umgebung, sondern auch online auf verschiedenen Plattformen statt.

Einer dieser Trends ist Sharing, das Teilen oder sich Beteiligen, um gemeinsam etwas zu nutzen oder zu erleben. Die Beispiele im Netz sind zahlreich:

Fröhlich sein…

Gemüse selber anpflanzen, aber kein eigener Garten? Kein Problem, bei meine Ernte kann man als Mitglied sowohl Anbaufläche also auch Knowhow der anderen teilen.

Ein günstiger Schlafplatz gesucht in New York? Warum sich nicht über diese Plattform eine Liegefläche auf einem Hausdach sichern, natürlich mit Zelt- und Meal-Sharing und der Möglichkeit neue Kontakte zu knüpfen.

Während die einen nach gemeinsamer Freizeitbeschäftigung oder dem (Koch-)Partner fürs Leben Ausschau halten, haben die anderen das Bedürfnis, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen:

Gutes tun…

Die gute alte Nachbarschaftshilfe kann nach einem digitalen Upgrade so aussehen, wie nextdoor das vormacht. Hier vernetzt sich das Wohnviertel miteinander, wenn jemand einen Babysitter braucht oder das Quartierfest geplant werden soll.

Ganze Städte haben sich das Teilen auf die Fahnen geschrieben, wie (ein wenig überraschend) Seoul, das durch verschiedene Teil- und Tauschangebote die Lebensqualität in der Stadt für die Einwohner verbessern und Ressourcen sparsamer einsetzen möchte. Shareable stellt diese Städte und weitere Projekte vor.

Selbstverständlich betrifft ein Bereich des Sharings das gemeinsame Nutzen von Autos, Kleidern, Maschinen und Wohnungen.

Allerdings haben einige Projekte auch höhere Ziele. Hier geht es darum, gemeinsam etwas Grosses zu Wege zu bringen. Die vernetzte Crowd kann zusammenarbeiten, gemeinsam Geld auftreiben und sich mit vereinten Kräften online für eine gute Sache stark machen. Auf den Crowdfunding-Plattformen informieren sie über ihr Anliegen und versuchen, Unterstützer zu gewinnen, wie das den engagierten Geldsammlern auf der regionalen Crowdfunding-Seite Spacehive gelingt.

Von 5. bis 11. Juni finden weltweit Events aus Anlass der Global Sharing Week statt, Veranstaltungen, bei denen das Teilen im Mittelpunkt steht.

…und die Spatzen pfeifen lassen

Musik, Geschichten und Verbundenheit erleben wie in der Kirche, aber lustiger und für Konfessionslose und Nichtgläubige? Das bietet die 2013 von zwei englischen Comedians gegründete Sunday Assembly, deren Motto lautet: „Live Better, Help Often, Wonder More.“

Was machen WIR in diesen Communities auf Zeit? Wir teilen, wir sammeln Geld für eine gute Sache, wir tun uns zusammen, und erfahren darin Sinn, Gutes zu tun. Warum machen WIR das?

„Fortschritt und Wachstum, Freiheit und Selbstbestimmung, Demokratie und Humanismus bieten als ‚weltliche Sinnangebote‘ (Gerhard Gamm) keine ausreichende Orientierung mehr.“ (Bundeszentrale für politische Bildung).

Wir sind auf der Suche nach mehr, nach etwas, das unserem Leben Sinn gibt, über diese weltlichen Sinnangebote hinaus. Im christlich geprägten Mitteleuropa, in dem wir aufgewachsen sind, ist dieser Bereich eine Kernkompetenz der Kirchen bzw. der Religion. Die christlichen Kirchen gehören zwar nach wie vor zu den grossen Gemeinschaften dieser Welt, aber nicht mehr all ihre Schäfchen finden dort ein Gesinnungs-Zuhause.

Trotzdem – die Eckpfeiler und Grundideale der Religion und Kirche, wie Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft, Solidarität und Gemeinschaft haben uns geprägt und sie leben weiter. Sie bieten nach wie vor erstrebenswerte und sinnstiftende Ziele für das Individuum 4.0. Sie werden zeitgemäss umgesetzt und gewinnen auf eine neue Art an Bedeutung, durch Online-Sharing und durch den gemeinsamen Einsatz der Crowd für eine gute Sache.

PS: Über Zürichs Sharing-Communities berichtet der Zürcher Tagesanzeiger heute, am 24.5.2016, auf S. 23. Vorgestellt werden hier der Quartierverein Albisrieden, die Talentaustauschbörse Tauschen am Fluss und die Plattform FleXibles, die sich mit neuen Wirtschafts- und Arbeitsformen auseinandersetzt. Lesenswert!

 

Prosument 4.0

Der Ökonom Thomas Straubhaar ist sich sicher: „der klassische Güterhandel mit standardisierten Massenprodukten ist ein Auslaufmodell.“ Was heisst das nun in der Konsequenz für uns Einzelne? Fakt ist, auf ökonomischer Ebene etabliert sich im Zuge der Digitalisierung ein neues Geschäftsmodell: der Trend zu immer individuelleren und personalisierteren Produkten. Die Zielgruppe ist nicht mehr die Masse, sondern das Individuum (Kaufmann, 2015).

Heute hat der einzelne Konsument verstärkt die Möglichkeit bei der Produktgestaltung aktiv mitzuwirken. Vom eigens zusammengestellten Müsli, der Lieblingsschokolade bis hin zum selbstgestalteten Sportschuh. Das kommt an, denn die Produkte mit persönlicher Note, steigern laut Experten das Selbstwertgefühl. Doch Obacht! Das individualisierte Gut ist meist um einiges teurer als das Standardangebot (FAZ, 2016).

Logisch. Und trotzdem, die Richtung in welcher sich dieser Trend entwickelt, birgt für uns Einzelne ganz neue Möglichkeiten. Zugegeben, das individuelle Müsli oder die persönliche Schokolade, dies erscheint bis anhin recht profan. Dinge, auf welche wir gut und gerne verzichten könnten. Doch wir stehen ja erst am Anfang der vierten industriellen Revolution und im Zuge derer heisst das neue Zauberwort: 3D-Druck. Mit Hilfe dieses Verfahrens, bei welchem dreidimensionale Gegenstände ausgedruckt werden, lassen sich weitaus komplexere Produkte realisieren. So können beispielweise Ärzte, die Anfertigung ihrer individuellen medizinischen Werkzeuge mittels 3D-Druck, in Auftrag geben. Und: mittlerweile wird die private Anschaffung eines 3D-Druckers für uns Einzelpersonen immer erschwinglicher. Jedoch muss hier angemerkt werden, dass sich die Geräte für den Hausgebrauch bis anhin noch nicht durchsetzen konnten. Mehr unbrauchbares Plastik als nützliches Gebrauchsprodukt.

Noch. Denn unter dem Stichwort Fabbing wird annähernd aufgezeigt wo die Reise hingehen könnte. Der Begriff steht für das Fabrizieren individueller dreidimensionaler Produkte. Dabei erhalten „sogar Privatpersonen die Möglichkeit, ihre Ideen schnell und günstig als Prototypen und Produkte herzustellen“ und „diese Produkte können über Web-Portale weltweit vertrieben werden“. Was der 3D-Drucker aus dem Hausgebrauch noch nicht bewerkstelligen kann, ermöglichen die sogenannten FabLabs. In diesen Werkstätten erhält unsereins Zugang zu hochmodernen Produktionsmitteln, welche die Herstellung von individualisierten Einzelstücken, vom Alltagsgegenstand bis hin zum High-Tech-Produkt, ermöglichen. Interessiert? Auch in Zürich gibt es bereits ein FabLab. Ihr Slogan – Mach dein Ding.

Was heisst das nun für das Individuum 4.0? Werden wir unsere Gebrauchsgegenstände in Zukunft nur noch selbst herstellen oder diese gar kommerziell vermarkten? Das grenzt wohl an Utopie. Aber, ob wir selbst herstellen oder herstellen lassen. Der persönliche Einfluss diesbezüglich wird stetig zu nehmen.

 

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

„Ein Bild sagt mehr … Hunderttausend Worte wenden sich an den Verstand, an die Erfahrung, an die Bildung – das Bild …“ (unter seinem Pseudonym Paul Panter (Tucholsky, Kurt)).

Ja, was macht ein Bild? Es illustriert und es drückt auf einer anderen Ebene als Text etwas aus und spricht etwas in uns an. Ein Bild erklärt einfach und kann ein Gefühl vermitteln oder einen grossen Eindruck auf den Betrachter machen.

Abbildung 1: Buster Keaton und Marlene Dietrich (Wikimedia)

Was hätte Kurt Tucholsky, ein Mann des Worts, wohl von den darstellerischen Möglichkeiten von Instagram, Snapchat, Facebook und Co. gehalten?

Für das hipe Individuum ist es nicht mehr nötig, viele Worte zu verlieren: Statt einer Urlaubspostkarte mit einer langatmigen Beschreibung des Erlebten der letzten 2 Ferienwochen, schickt Mann/Frau:

Selfie

Abbildung 2: Creative Commons Flickr

Genau, ein Selfie per Whatsapp. Weiterer Text unnötig!

Handykameras machen allerdings nicht nur Urlaubsfotos. Sie produzieren inszenierte Spiegelbilder, die als Profilfotos für Whatsapp oder Facebook und damit der Selbstdarstellung des Individuums dienen.

Die Fotos sind dabei nicht nur einfaches Abbild, sondern weisen auch auf Beziehungen und Rollen des Individuums hin. Das Interesse der Betrachtenden steigt, wenn eine Beziehung zum Dargestellten besteht, trotz der teils langweiligen, gleichförmigen Motive. Die Verbreitung dieser privaten Fotos schafft eine soziale Identität. „Deshalb  sind  Fotos  in  Verbindung  mit  digitalen  Technologien und  Onlinemedien,  die  diese  Verbreitung ermöglichen, omnipräsent und wirkmächtig“ (Knoll 2013).

Individuen betreiben in den Sozialen Netzwerken „Impression Management“, d.h. sie versuchen, durch die Auswahl der Bilder, den Eindruck, den andere von Ihnen haben sollen, bewusst zu steuern (Keller 2016, S. 19). „Das kommt dem Ergebnis nahe, das alle Studien haben, die sich mit Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken beschäftigen. Immer geht es darum zu antizipieren, was das Publikum sehen will, und diese Erwartungshaltung möglichst gut zu erfüllen“ (Keller 2016, S. 21).

Es ist offensichtlich und allgegenwärtig: Obwohl die Bearbeitungsmöglichkeiten heute vielfältiger sind, Fotos aufgehübscht werden können, sagen die geposteten Fotos mehr als tausend Worte. Sie sagen nicht nur mehr, sie stehen sogar stellvertretend für Text. Das macht unsere Umgebung vielleicht ein wenig ärmer an Worten, die bildlastige Darstellung und Post hat aber auch gute Seiten.

Snapchat hat den Vorteil, so kurzlebig zu sein: Während alles, was ich auf Facebook poste, jahrelang im Netz sichtbar bleibt und von allen gelesen werden kann, bedeutet die Bildübermittlung per Geist auf gelbem Grund schnellste, vergänglichste und lustigste Information unter Freunden. Äusserst passend zu unserer Zeit der optimierten Effizienz.

Weil die wortkarge Übermittlungsmethode im Moment so trendy ist, hat der Tagi eine Video-Umfrage mit 13 bis 42-Jährigen zum Thema Snapchat durchgeführt. Die grösstenteils jugendlichen Schweizer Nutzer sind begeisterte, aktive und aufmerksame Nutzer des Angebots. (Tagesanzeiger 4.5.2016, S 31)  In der eben erst zu Ende gegangenen Internet-Konferenz re:publica in Berlin gab es mehrere überlaufene Veranstaltungen:

republica

Abbildung 3: Foto: re:publica /Jan Zappner (Crative Commons)

In einer davon war der berühmte Edward Snowden per Video anwesend, in einer anderen ein 15-Jähriger aus Hamburg, der Snapchat den älteren Zuschauern per Skype näherbrachte. Die Veranstaltungen zum Thema Instagram und Snapchat waren begehrt. Wer wollte, konnte sich dort auch über das „Potenzial von Snapchat für Influencer Marketing“  oder den „Mehrwert von Snapchat für Unternehmen“ informieren (Spiegelonline).

Snapchat hat 100 Millionen Nutzer, die täglich 7 Milliarden Videos verschicken (Tagesanzeiger 4.5.2016) und kommt damit Facebook schon sehr nahe.

Die Tendenz scheint dahin zu gehen, dass das Bild immer mehr in den Mittelpunkt rückt und den Text teilweise ersetzt. Welche Auswirkungen wird das auf die Art haben, wie wir in Zukunft kommunizieren?

PS Ohne Schwarzmalen zu wollen: Wie werden sich unsere Schreibfähigkeiten entwickeln, wenn sie immer weniger erforderlich sind, denn wie wir hier  erfahren, ruht sich unser Hirn ja gern aus und ehemals wichtige Fähigkeiten verkümmern.

Der Offliner – die pure digitale Abstinenz?

Was ist ein Offliner? Es gibt sie zur Genüge, die Berichte über Individuen, welche im sogenannten Selbstversuch, dem Internet – meist jedoch nur für eine kurze Zeitspanne – Adieu sagen. Sich der fortschreitenden Digitalisierung demonstrativ entgegenzusetzen gilt als hip. Denn „in den USA nennen sie es bereits ein Zeichen intellektueller und geistiger Unabhängigkeit, sich von Facebook und Twitter abzumelden“ (Weber, 2015). So haben sich bis anhin schon einige Stars diesem Trend angeschlossen, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Das Offline-sein ist, wie wir bereits in einem anderen Blogbeitrag kurz erwähnt haben, durchaus ein Trendthema. Auch der Ökonom Joël Luc Cachelin hat sich in seinem Buch „Offliner – Die Gegenkultur der Digitalisierung“ mit dem Phänomen der Offliner beschäftigt und diese in verschiedene Typen unterteilt. Vorab darf aber gesagt werden, dass die von Cachelin konstruierten Typen mit Sicherheit nicht als allgemeingültig angesehen werden können. Ein kleiner Einblick kann jedoch trotzdem nicht schaden. Einer der Typen, der sogenannte Nonliner – entweder ein alter, bildungsferner oder global abgeschnittener Mensch – hat gar keinen Zugang zum Internet. Diese Art könnte man wohl eher Zwangs-Offliner nennen.

Alle anderen beschriebenen Typen zeichnen sich nicht primär durch den automatischen Verzicht aufs Internets aus. Die Anti-Transhumanisten beispielsweise fürchten die Verschmelzung von Mensch und Maschine. Die Nachhaltigen stören sich an den produzierten Abfällen und dem hohen Energiebedarf von digitalen Geräten. Die Kapitalismuskritiker bemängeln, dass durch die Menge an persönlichen Daten, welche im Internet gesammelt werden, das kapitalistische System gestärkt wird. Für die Kulturpessimisten wiederum stellt das Internet eine Gefahr für Bildung und Kultur dar, da die permanente Vervielfältigung von Information, Wissen sozusagen beliebig macht. Und so weiter (GDI Impuls, 2015). Die Beweggründe, sich der Digitalisierung entgegenzusetzen, sind je nach Typus, von durchaus unterschiedlicher Natur. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber dennoch.

Denn in einem interessanten Interview stimmt Cachelin mit der Kommunikations-Expertin Nadja Schnetzler überein, dass es den Offlinern darum geht „die digitale Zukunft aktiv mitzugestalten“ und „nicht um einen absoluten Verzicht, sondern um einen differenzierten Umgang mit der digitalen Welt.“

Stellen wir uns so den klassischen Offliner vor? Also nichts mit purer digitaler Abstinenz? Letzten Endes könnte man sich vielleicht eher darauf einigen, dass der Begriff Offliner in der Zukunft des Individuums 4.0 obsolet sein wird. Das was Cachelin hier als Offliner benennt, könnte man doch genau so gut als achtsamen Onliner bezeichnen. Oder wir lassen die Bezeichnungen einfach ganz weg. Ob sich der Einzelne nun Offliner oder Onliner nennt ist doch irrelevant. Es wäre jedoch wünschenswert, dass sich das Individuum 4.0 zu einem bewussten Internetnutzenden wandelt. Also zu jemandem, welcher sorgfältig mit seinen Daten umgeht und soziale Plattformen auch einmal nutzt, um sinnvolle Debatten anzustossen oder ganz schlicht gesagt einfach seinen gesunden Menschenverstand einsetzt  :).