„Human enhancement“ –das Schattenzeitalter?

humanEnhancement
Bildquelle: UNAFF 2013. Individual to Universal. FIXED: The Science/Fiction of Human Enhancement.

Geben wir es doch zu, wir sind alle abhängig vom Internet und unseren Geräten. Ohne Internetzugang empfinden wir einen Mangel und ohne Smartphone gehen wir nicht mehr aus dem Haus. Dabei beinhaltet das Gerät alles was wir brauchen: Die Agenda, den Busfahrplan, die Gesundheitsdaten, Bankverbindungsmöglichkeiten, Spiele-, Fitness- und Dating-Apps. Und wenn wir uns nicht über das Smartphone vernetzen, tun wir es eben über das Notebook, das Tablet, die Smartwatch etc., „weil sich der Mensch ohne Technologie unvollständig fühlt und durch Enhancement über sich hinaus gehen will. Der Körper ist das nächste, das letzte Interface, das Auge wird zum Bildschirm, die Hand zum Smartphone oder zur Tastatur. Der Mensch wird hybrid, zum Teil des Internets“ (Cachelin, Herzog, 2014).

„1.5.1 Ausdifferenzierung provoziert Individualisierung“

Mit zunehmender Individualisierung in der heutigen Multioptionsgesellschaft wird der soziale Druck immer stärker, sich zu profilieren, sich besser, stärker, schöner darzustellen. In der analogen Welt geht das Individuum ins Fitnessstudio, zum Friseur, lässt sich operieren oder tätowieren. In der digitalen Welt postet es Beiträge und Fotos auf Social Media und anderen Kanälen. Dabei wird nur das Schöne und Gute gezeigt, die Schattenseiten blieben verborgen – denkt man.

Im Browserbuch „Schattenzeitalter“ von Joël Luc Cachelin und Leander Herzog kann man in 216 Gedankenräumen das Thema Digitalisierung, Internet und deren Einfluss auf unser Leben und unsere Zukunft entdecken. Der Grundgedanke ist auf Goethe zurückzuführen: „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.“ Während das Internet die Individualisierung revolutioniert und Transparenz schafft, ermöglicht es auch „Desinformation, Überwachung und Manipulation(Cachelin, Herzog, 2014).“ Das Browserbuch beschreibt unsere Wirklichkeit als Kaleidoskop und ermöglicht uns ein ebenso kaleidoskopisches, non-lineares Lesen – auf Desktop, Tablet und Smartphone.

„Human Enhancement“

Es ist aber nicht nur die Multioptionsgesellschaft, sondern auch der bereits sehr hohe und zunehmende Leistungsdruck in unserer Gesellschaft. Dieser führt dazu, dass wir unsere Leistung immer mehr steigern und unseren Körper optimieren wollen. Wir nehmen dafür sogar in Kauf, mit unseren Geräten zu verschmelzen. Doch wie hybrid können wir werden?

In seinem Artikel „Der aufgemotzte Mensch“ beschreibt Michael T. Ganz „human enhancement“ als „die Verbesserung des Menschen durch den gezielten Einsatz von Techniken“. Und ganz richtig weist er uns darauf hin, dass es sich hierbei nicht um eine Verbesserung der Lebensumstände einer Gesellschaft handelt, sondern der einzelne Mensch, das Individuum als Teil der Gesellschaft, der Gegenstand gezielter Eingriffe wird.

„Noch ist das Verwachsen mit dem Internet erst geistiger Natur. Aber die körperliche Vereinigung zeichnet sich ab“, steht im Gedankenraum 3.1.3 (Cachelin, Herzog, 2014).

Die nächste Stufe des Enhancements ist der implantierte Chip im Gehirn – womit wir uns selber zu einem Gerät entwickeln. Wie weit entfernt sind wir dann noch von der Maschine? Sind das die Individuen 4.0?

„3.2.6 Die Individualisierung ist ebenso Tatsache wie Trugbild“

Im Schattenzeitalter ist das Individuum Schnittpunkt seiner Netzwerke. „Je mehr wir alle Teil desselben Netzwerks sind, desto mehr werden wir Teil derselben Wirklichkeit, desto stärker besteht auch die Gefahr, dass die Vielfalt der Wirklichkeit reduziert wird (Cachelin, Herzog, 2014).“

Je mehr wir versuchen unsere Individualität im Netz preiszugeben, desto unsichtbarer werden wir als Individuen darin und verschmelzen zu einer Masse gleichgesinnter digitaler Identitäten. So ist die „Individualisierung und Standardisierung die Kehrseite derselben Medaille (ebd.)“.

Ist das nicht das Gegenteil von dem, was sich der Mensch, das Individuum, erhofft und darf man deshalb zu Recht vom Schattenzeitalter sprechen?

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