Das „zentrale Ich“ als Marktobjekt

Der neue Trend ist eine „Zentralisierung der Identität“, wobei Facebook und Google die Vorreiter sind: Die einmalige Eingabe des Logins bei Google ermöglicht ein gemütliches Switchen zwischen den betriebsinternen Diensten und dank dem Plug-In „Facebook-Connect“ kann man sich auf einer beliebigen Seite einfach und bequem über seinen Facebook-Account einloggen und seine „Likes“ sofort und überall mit seinen Facebook-Freunden teilen. (Tagesspiegel, 2011)

Die „zentrale Ich-Identität“ scheint die Kommunikation im Netz für die Nutzer regelrecht zu vereinfachen. Und was haben Google und Facebook davon: Ein saftiges Bündel persönlicher Daten für die Marktforschung. Denn „[j]e mehr Daten, Traffic und Kommunikation in einem Account gebündelt werden, desto wertvoller und vermarktbarer ist es“ (ebd.).

Das Individuum wird zum Zielobjekt heutiger Marktforschung, die Individualisierung zum ökonomischen Prinzip (zukunftsinstitut). Jeder click, jeder „Like“, jeder Besuch auf einer Webseite hinterlässt Spuren. Spuren, die verfolgt und ausgewertet werden, damit man beim nächsten Besuch mit der gewünschten Werbung begrüsst wird. „Mit den zunehmenden Möglichkeiten, wie sich Menschen in ihrer Persönlichkeit ausdrücken und erleben können, wächst auch die Bedeutung, die der Individualität beigemessen wird“ (ebd.).

Darüber sollten wir uns eigentlich freuen, denn so erhalten wir nur noch die Werbung, die uns auch interessiert. Die Suchmaschinen schlagen uns bereits vor, wonach wir suchen und mit der „zentralen Ich-Identität“ gleiten wir beinahe geräuschlos durchs Internet. Dass aber die Sammlung der eigenen Daten zu einer „Meta-Identität“ im Hintergrund genauso geräuschlos verläuft, scheint doch noch nicht allen Nutzern bewusst zu sein. Thoma Tuma, Spiegel Journalist, schreibt in seinem Artikel Internet: Kampf ums Ich: „Meine Zukunft wird eine algorithmische Ableitung der Vergangenheit. Aus diesen Online-Splittern meiner selbst ziehen die Unternehmen Schlüsse, mit denen sie wiederum mich beeinflussen.“ Tuma nennt die Online-Identität auch „Zweites-Ich“, dessen Leben im Netz viel exponierter ist und dessen möglicher Identitätsklau oder auch Image-Schaden einfacher und schneller geschieht. „Das Internet vergisst eigentlich nichts“ (Tuma, 2010).

Und wer bestimmt Googles Relevance-Ranking? Wie gross ist unsere Entscheidungsmacht darüber, was wir suchen, wenn uns Google vorschlägt, was am meisten gelesen, am meisten angeklickt wird? Ist das der sogenannte Konsument 4.0 – jener, der nur noch darauf wartet, anhand rechnerischer Antworten der eigenen E-Identity, zu entscheiden, was er konsumieren möchte?

Wer sind wir denn noch im Netz der Identitäten, die einerseits Eigenkreationen, andererseits durch Suchmaschinen zusammengetragene algorithmische Schlussfolgerungen und Muster unserer Bewegungen im Deep-Web  darstellen? Wie können wir uns dagegen wehren und warum sagt uns das niemand?

Tuma spricht es an und meint, „Wir sind anders, doch das können wir nur unter Beweis stellen, wenn wir künftig mitentscheiden dürfen, was über uns sortiert und wie lange es wo archiviert wird. Freiheit ist auch die Freiheit, sich zu verweigern […]. Es sollte darum gehen, dass wir vor allem bei privatesten Daten erlauben müssen, was damit geschieht“ (Tuma, 2010).

Verweigern wir uns doch dem Internet einmal und übernehmen wir Verantwortung zum Schutz unserer persönlichen Daten. Auf der Seite des Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten erfährt man wie (EDÖB, OJ).

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