Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

„Ein Bild sagt mehr … Hunderttausend Worte wenden sich an den Verstand, an die Erfahrung, an die Bildung – das Bild …“ (unter seinem Pseudonym Paul Panter (Tucholsky, Kurt)).

Ja, was macht ein Bild? Es illustriert und es drückt auf einer anderen Ebene als Text etwas aus und spricht etwas in uns an. Ein Bild erklärt einfach und kann ein Gefühl vermitteln oder einen grossen Eindruck auf den Betrachter machen.

Abbildung 1: Buster Keaton und Marlene Dietrich (Wikimedia)

Was hätte Kurt Tucholsky, ein Mann des Worts, wohl von den darstellerischen Möglichkeiten von Instagram, Snapchat, Facebook und Co. gehalten?

Für das hipe Individuum ist es nicht mehr nötig, viele Worte zu verlieren: Statt einer Urlaubspostkarte mit einer langatmigen Beschreibung des Erlebten der letzten 2 Ferienwochen, schickt Mann/Frau:

Selfie

Abbildung 2: Creative Commons Flickr

Genau, ein Selfie per Whatsapp. Weiterer Text unnötig!

Handykameras machen allerdings nicht nur Urlaubsfotos. Sie produzieren inszenierte Spiegelbilder, die als Profilfotos für Whatsapp oder Facebook und damit der Selbstdarstellung des Individuums dienen.

Die Fotos sind dabei nicht nur einfaches Abbild, sondern weisen auch auf Beziehungen und Rollen des Individuums hin. Das Interesse der Betrachtenden steigt, wenn eine Beziehung zum Dargestellten besteht, trotz der teils langweiligen, gleichförmigen Motive. Die Verbreitung dieser privaten Fotos schafft eine soziale Identität. „Deshalb  sind  Fotos  in  Verbindung  mit  digitalen  Technologien und  Onlinemedien,  die  diese  Verbreitung ermöglichen, omnipräsent und wirkmächtig“ (Knoll 2013).

Individuen betreiben in den Sozialen Netzwerken „Impression Management“, d.h. sie versuchen, durch die Auswahl der Bilder, den Eindruck, den andere von Ihnen haben sollen, bewusst zu steuern (Keller 2016, S. 19). „Das kommt dem Ergebnis nahe, das alle Studien haben, die sich mit Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken beschäftigen. Immer geht es darum zu antizipieren, was das Publikum sehen will, und diese Erwartungshaltung möglichst gut zu erfüllen“ (Keller 2016, S. 21).

Es ist offensichtlich und allgegenwärtig: Obwohl die Bearbeitungsmöglichkeiten heute vielfältiger sind, Fotos aufgehübscht werden können, sagen die geposteten Fotos mehr als tausend Worte. Sie sagen nicht nur mehr, sie stehen sogar stellvertretend für Text. Das macht unsere Umgebung vielleicht ein wenig ärmer an Worten, die bildlastige Darstellung und Post hat aber auch gute Seiten.

Snapchat hat den Vorteil, so kurzlebig zu sein: Während alles, was ich auf Facebook poste, jahrelang im Netz sichtbar bleibt und von allen gelesen werden kann, bedeutet die Bildübermittlung per Geist auf gelbem Grund schnellste, vergänglichste und lustigste Information unter Freunden. Äusserst passend zu unserer Zeit der optimierten Effizienz.

Weil die wortkarge Übermittlungsmethode im Moment so trendy ist, hat der Tagi eine Video-Umfrage mit 13 bis 42-Jährigen zum Thema Snapchat durchgeführt. Die grösstenteils jugendlichen Schweizer Nutzer sind begeisterte, aktive und aufmerksame Nutzer des Angebots. (Tagesanzeiger 4.5.2016, S 31)  In der eben erst zu Ende gegangenen Internet-Konferenz re:publica in Berlin gab es mehrere überlaufene Veranstaltungen:

republica

Abbildung 3: Foto: re:publica /Jan Zappner (Crative Commons)

In einer davon war der berühmte Edward Snowden per Video anwesend, in einer anderen ein 15-Jähriger aus Hamburg, der Snapchat den älteren Zuschauern per Skype näherbrachte. Die Veranstaltungen zum Thema Instagram und Snapchat waren begehrt. Wer wollte, konnte sich dort auch über das „Potenzial von Snapchat für Influencer Marketing“  oder den „Mehrwert von Snapchat für Unternehmen“ informieren (Spiegelonline).

Snapchat hat 100 Millionen Nutzer, die täglich 7 Milliarden Videos verschicken (Tagesanzeiger 4.5.2016) und kommt damit Facebook schon sehr nahe.

Die Tendenz scheint dahin zu gehen, dass das Bild immer mehr in den Mittelpunkt rückt und den Text teilweise ersetzt. Welche Auswirkungen wird das auf die Art haben, wie wir in Zukunft kommunizieren?

PS Ohne Schwarzmalen zu wollen: Wie werden sich unsere Schreibfähigkeiten entwickeln, wenn sie immer weniger erforderlich sind, denn wie wir hier  erfahren, ruht sich unser Hirn ja gern aus und ehemals wichtige Fähigkeiten verkümmern.

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