Data Love – Love Privacy

Ich stehe vor einem Konflikt – einem inneren Konflikt, den wohl einige kennen und für den es möglicherweise keine befriedigende Lösung gibt. Der Konflikt heisst „Data Love“ – oder bessergesagt, Roberto Simanowski beschreibt in seinem Essay „Data Love“ diesen Konflikt mit diesem Begriff so treffend, dass ich mir die Bezeichnung hier ausleihen werde.

Was bedeutet denn „Data Love“: Einfach ausgedrückt heisst es soviel wie: Wir alle lieben Daten. Und das tun wir tatsächlich. Weiss ich die Antwort auf eine Frage nicht, google ich sie schnell. Will ich eine Person, die ich soeben (analog) getroffen habe, wiedersehen, suche ich sie (digital) auf Social Media-Kanälen, schaue mir ihre Fotos und Posts an und mache mir ein Bild von ihr. Ich informiere mich und analysiere die gefundenen Daten. Und Simanowski (2015, S.7-8) stellt fest: „Wir sind so hungrig nach Information wie freigiebig mit ihr. […] Wir sind auf einer Mission der permanenten Daten-Produktion als Beitrag zur Erkenntnis: für Wirtschaft, Medizin, Gesellschaft. Wir glauben an Fortschritt durch Analyse.“

Wir leben in einer Informationsgesellschaft – wir wollen und generieren die Information gleichzeitig. Mit dem Smartphone, dem Tablet, überhaupt allen technischen Geräten stellen wir unsere ständige Informiertheit sicher. Wir sind rund um die Uhr und überall erreichbar, online, am Puls der Zeit. Spürt ihr ihn, den Puls? Der Rhythmus entspricht wahrscheinlich unserer Click-Quote und befriedigt somit auch das Big-Data-Mining, „die computergesteuerte Analyse großer Datensammlungen auf bestimmte Gesetzmäßigkeiten und unbekannte Zusammenhänge hin“ (Simanowski, 2015) – auf die wir doch so scharf sind.

Simanowski erklärt den Begriff wie folgt (S.9): „Data Love ist ein Phänomen der Kontroll- wie der Konsumgesellschaft im Zeitalter ihrer digitalen Verfasstheit. Sie vollzieht sich im Interesse derer, die der Datenschutz retten will.“

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Bild: Quantcast / dribble

Hier also der Clinch.

Genauso sehr wie ich, sowie auch die meisten Leute der heutigen Informationsgesellschaft die Daten lieben, will ich mein Recht auf Selbstbestimmung nicht verlieren. Während ich im Internet surfe, dies und das lese, meine Clicks hinterlasse, wird damit im Hintergrund mein Datenprofil mit immer mehr Information über mich bereichert. Diese Daten gebe ich freiwillig preis – ob ich meine Ferien buche oder auf Facebook etwas poste. Und doch will ich meine Privatsphäre schützen. Ich wünsche mir weder, dass alles was ich im Netz hinterlasse analysiert wird, noch, dass man für immer und ewig darauf zugreifen kann. Werde ich in Zukunft nur noch verschlüsselte Nachrichten versenden, im nicht-trackenden Browser surfen und anonym auf Foren posten? Und wird das auch wirklich sicher sein, so wie das alle diese Unternehmen versprechen? Wohl kaum – bereits jetzt werden die Firmen, die Privatsphäre versprechen, gehackt, so auch der Genfer Mailanbieter Protonmail.

Harald Welzer und Michael Pauen machen uns auf die Bedrohung unserer Freiheit in ihrem Buch „Autonomie. Eine Verteidigung“ aufmerksam und rufen dazu auf, die „Fähigkeit zu selbstbestimmtem Handeln gegen Widerstände“ auszuüben (Roedig, 2015). Sprich, bewusster mit unseren Daten umzugehen. Denn „Autonomie und Demokratie [hängen] wesentlich von Privatheit [ab und] genau diese Privatheit [wird] im Zuge der jüngsten Entwicklungen der Kommunikations- und Informationstechnologien massiv erodier[t]“ (Roedig, 2015). Darum geht es auch. Darum, das Recht auf Privatheit wieder ins Bewusstsein zu rufen und einen bewussten Umgang mit unseren Daten zu erlernen.

Simanowski (2015, S.14) stellt sich zu Recht die Frage, „warum Menschen als Staatsbürger auf eine Privatsphäre pochen, die sie als Konsument leichthin preisgeben.“ Aber trotzdem soll das Recht auf Privatsphäre nicht untergraben, ja vergessen werden!

Meine Botschaft: Liebt die Daten, aber lehrt einen bewussteren Umgang mit dem Publizieren eurer privaten Schätze und hinterfragt euer Handeln, bevor ihr etwas ins Netz stellt.

 

„Human enhancement“ –das Schattenzeitalter?

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Bildquelle: UNAFF 2013. Individual to Universal. FIXED: The Science/Fiction of Human Enhancement.

Geben wir es doch zu, wir sind alle abhängig vom Internet und unseren Geräten. Ohne Internetzugang empfinden wir einen Mangel und ohne Smartphone gehen wir nicht mehr aus dem Haus. Dabei beinhaltet das Gerät alles was wir brauchen: Die Agenda, den Busfahrplan, die Gesundheitsdaten, Bankverbindungsmöglichkeiten, Spiele-, Fitness- und Dating-Apps. Und wenn wir uns nicht über das Smartphone vernetzen, tun wir es eben über das Notebook, das Tablet, die Smartwatch etc., „weil sich der Mensch ohne Technologie unvollständig fühlt und durch Enhancement über sich hinaus gehen will. Der Körper ist das nächste, das letzte Interface, das Auge wird zum Bildschirm, die Hand zum Smartphone oder zur Tastatur. Der Mensch wird hybrid, zum Teil des Internets“ (Cachelin, Herzog, 2014).

„1.5.1 Ausdifferenzierung provoziert Individualisierung“

Mit zunehmender Individualisierung in der heutigen Multioptionsgesellschaft wird der soziale Druck immer stärker, sich zu profilieren, sich besser, stärker, schöner darzustellen. In der analogen Welt geht das Individuum ins Fitnessstudio, zum Friseur, lässt sich operieren oder tätowieren. In der digitalen Welt postet es Beiträge und Fotos auf Social Media und anderen Kanälen. Dabei wird nur das Schöne und Gute gezeigt, die Schattenseiten blieben verborgen – denkt man.

Im Browserbuch „Schattenzeitalter“ von Joël Luc Cachelin und Leander Herzog kann man in 216 Gedankenräumen das Thema Digitalisierung, Internet und deren Einfluss auf unser Leben und unsere Zukunft entdecken. Der Grundgedanke ist auf Goethe zurückzuführen: „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.“ Während das Internet die Individualisierung revolutioniert und Transparenz schafft, ermöglicht es auch „Desinformation, Überwachung und Manipulation(Cachelin, Herzog, 2014).“ Das Browserbuch beschreibt unsere Wirklichkeit als Kaleidoskop und ermöglicht uns ein ebenso kaleidoskopisches, non-lineares Lesen – auf Desktop, Tablet und Smartphone.

„Human Enhancement“

Es ist aber nicht nur die Multioptionsgesellschaft, sondern auch der bereits sehr hohe und zunehmende Leistungsdruck in unserer Gesellschaft. Dieser führt dazu, dass wir unsere Leistung immer mehr steigern und unseren Körper optimieren wollen. Wir nehmen dafür sogar in Kauf, mit unseren Geräten zu verschmelzen. Doch wie hybrid können wir werden?

In seinem Artikel „Der aufgemotzte Mensch“ beschreibt Michael T. Ganz „human enhancement“ als „die Verbesserung des Menschen durch den gezielten Einsatz von Techniken“. Und ganz richtig weist er uns darauf hin, dass es sich hierbei nicht um eine Verbesserung der Lebensumstände einer Gesellschaft handelt, sondern der einzelne Mensch, das Individuum als Teil der Gesellschaft, der Gegenstand gezielter Eingriffe wird.

„Noch ist das Verwachsen mit dem Internet erst geistiger Natur. Aber die körperliche Vereinigung zeichnet sich ab“, steht im Gedankenraum 3.1.3 (Cachelin, Herzog, 2014).

Die nächste Stufe des Enhancements ist der implantierte Chip im Gehirn – womit wir uns selber zu einem Gerät entwickeln. Wie weit entfernt sind wir dann noch von der Maschine? Sind das die Individuen 4.0?

„3.2.6 Die Individualisierung ist ebenso Tatsache wie Trugbild“

Im Schattenzeitalter ist das Individuum Schnittpunkt seiner Netzwerke. „Je mehr wir alle Teil desselben Netzwerks sind, desto mehr werden wir Teil derselben Wirklichkeit, desto stärker besteht auch die Gefahr, dass die Vielfalt der Wirklichkeit reduziert wird (Cachelin, Herzog, 2014).“

Je mehr wir versuchen unsere Individualität im Netz preiszugeben, desto unsichtbarer werden wir als Individuen darin und verschmelzen zu einer Masse gleichgesinnter digitaler Identitäten. So ist die „Individualisierung und Standardisierung die Kehrseite derselben Medaille (ebd.)“.

Ist das nicht das Gegenteil von dem, was sich der Mensch, das Individuum, erhofft und darf man deshalb zu Recht vom Schattenzeitalter sprechen?

Digitaler Kontrollverlust: Transparenz versus Sicherheit

Michael Seemann ist überzeugt, dass wir alle bereits die Kontrolle über unsere Daten verloren haben und sie auch niemals wiedererlangen werden. In seinem Blog Ctrl+Verlust schreibt er zu diesem Thema: „Ich glaube daran, dass man, sobald man sich äußert, nicht mehr in [der] Hand hat, was mit dieser Äußerung geschieht. Nicht nur, aber ganz besonders im Internet.“

Für ihn gibt es drei Gründe für den digitalen Kontrollverlust:

Die Allgegenwart von Aufzeichnungsgeräten verknüpft die digitale Welt immer enger mit der analogen. Ist man Teil der Welt, wird man Teil des Internets sein. […]

Das Internet hat die Transaktionskosten für Information enorm gesenkt und tut es weiter. «Leaken» ist sozusagen die Standardeinstellung des Netzes.               […]

Daten werden übermorgen für Verknüpfungen offener sein als morgen.

2014 hat er aus den Ideen und Texten seines Blogs ein Buch gemacht: „Das Neue Spiel – Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust“ (welches auch als PDF verfügbar ist). Darin beschreibt er den Umbruch, in dem wir uns befinden und in dem unser Verständnis von Freiheit bedroht ist vom Kontrollverlust. In diesem „Spiel“ geht es darum, sich an ein neues Denken, auf eine radikal neue Ethik einzulassen und die eigene Freiheit an anderen Orten zu suchen. Dazu soll man sich „von der Angst vorm Kontrollverlust befreien, aus den neuen Gegebenheiten eine neue, vielleicht ehrlichere und offenere Gesellschaft formen können. Vielleicht sogar eine freundlichere.“ (Seemann, 2010)

Eine ehrlichere und offenere Gesellschaft – ist das überhaupt möglich? Oder vielleicht eher etwas naiv?

In der heutigen Internetära, wo Menschen die persönlichsten Dinge auf Facebook, Twitter oder Youtube teilen, wo Wikileaks und Whistleblower Staatsgeheimnisse an die Öffentlichkeit preisgeben und wo Hackerattacken, Cyber-Mobbing oder Shitstorms bereits alltäglich sind, soll die Gesellschaft noch offener und ehrlicher werden?

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Hier findet man die Whistleblower-Plattform des Beobachters: sichermelden.ch (Bild: Thinkstock Kollektion, Beobachter)

Auch padeluun, Künstler und langjähriger Netzaktivist, behauptet, dass Datensicherheit eine Illusion ist. Jedoch sieht er gerade deshalb den Datenschutz als Voraussetzung dafür, Sicherheitsprobleme im Netz zu vermeiden. Er appelliert auch an öffentliche Institutionen, möglichst keine Daten zu speichern, ausser wenn dies unausweichlich ist, und dann nur jene, die wirklich benötigt werden. Das Wichtigste dabei sei, dass sich die Entscheider in Institutionen wie Bibliotheken permanent weiterbilden, um zu verstehen, warum diese Daten so schützenswert sind. (BuB Forum Bibliothek und Information, 2015)

Zusammen mit der Künstlerin Rena Tangens gründete padeluun den Datenschutzverein „Digital Courage“. Auf der Webseite findet man alles rund um das Thema Datenschutz und Bürgerrechte. Unter der Rubrik „Digitale Selbsverteidigung“ erhält man Informationen zu den aktuell sichersten Kommunikationsmitteln, wie und warum man Nachrichten verschlüsselt, wie Unternehmen und Organisationen sich schützen können und was es heisst, digital mündig zu sein.

Christian S. Jensen, Präsident der Leitungsgruppe von NFP 75 „Big Data“, sieht einen Ausgleich zwischen Datenaustausch und Datenschutz als zentral für die Weiterentwicklung zukünftiger Technologien. „Es ist schwierig, Bereiche zu identifizieren, in denen Daten nicht zur Schaffung von Mehrwert eingesetzt werden können. Aber Anwendungen sind nur dann erfolgreich, wenn sie von der Zielgruppe auch begrüsst werden.“ (Big Data 75)

Wo aber liegt diese Grenze?

Vielleicht werden die Individuen 4.0 diesen Diskurs führen. Werden sie, wie Seeman plädiert, den Verlust der Datenkontrolle akzeptieren oder sich für einen stärkeren Schutz der Daten, im Sinne von padeluun einsetzen? Eine klare und eindeutige Antwort wird es nicht geben. Aber hoffentlich wird sich ein Bewusstsein für die Wichtigkeit des Schutzes der eigenen Daten im Netz entwickeln und ein Ausgleich zwischen Datenaustausch und Datenschutz angestrebt.

How to: Schütze deine Daten

Erstmals muss man sich bewusst entscheiden, wo man welche Information hinterlässt. Ein bewusster Umgang mit und ein gewisser Respekt vor dem Internet ist die beste Voraussetzung dafür. Wenn man persönliche Nachrichten oder Fotos den Freunden schicken möchte, sind Apps wie der verschlüsselte Nachrichtendienst Threema (sehr zu empfehlen!) oder der verschlüsselte Emaildienst ProtonMail eine gute Adresse. Und wenn man bewusst Social Media nutzt, soll man am besten die Sicherheitseinstellungen an die eigenen Bedürfnisse anpassen – es dauert zu Beginn etwas länger, aber es lohnt sich. Und natürlich, wenn man wählt, sich online zu präsentieren, muss man akzeptieren, dass die eigens geposteten Inhalte auch wiedergefunden und wiederverwendet werden können. Wie gesagt, seid euch bewusst, was ihr tut – aber verliert nicht den Spass daran!

Verschlüsselt kommunizieren – Warum?

Anleitungen und Links und weitere Tipps und Tricks für eine sichere Kommunikation

Swiss Mail Security – Automatische E-Mail Verschlüsselung für Behörden

Secure Browsing – mit welchem Browser surfe ich am sichersten?

Datenschutz – Warum?

Was genau bedeutet Datenschutz, wie werden unsere Personendaten genutzt und wer informiert uns über Sicherheitsmassnahmen?

Das Datenschutzrecht ist dazu da, Personendaten gegen Missbrauch zu schützen und die informationelle Selbstbestimmung zu gewährleisten.

Personendaten sind „Informationen, die sich auf bestimmte oder bestimmbare Personen beziehen“ (Rudin, 2011). Man unterscheidet „gewöhnliche“ und „besondere“ Personendaten, wobei erstere der Name, die Adresse oder beispielsweise das Geburtsdatum einer Person bezeichnen. Diese Personendaten bringen in der Regel kein besonderes Risiko einer Diskriminierung mit sich. Bei der Bearbeitung „besonderer“ Personendaten besteht hingegen die Gefahr der Verletzung der Grundrechte. Hier handelt es sich um Daten, wie religiöse oder politische Ansichten oder auch Daten über den Gesundheitszustand. Jedoch können auch „gewöhnliche“ Personendaten unter bestimmten Umständen besonders schützenswert werden – so zum Beispiel auch im Internet. (Dsb BS)

Für Unternehmen ist es heute, dem Internet sei Dank, sehr einfach, das Konsumverhalten einzelner Personen nachzuzeichnen und daraus Persönlichkeitsprofile zu generieren. Es werden die „gewöhnlichen“ Personendaten verfolgt, beobachtet, wann man wo welche Inhalte anschaut, wie lange man auf einer Seite verweilt und was man dabei anklickt. Auch die IP-Adresse gehört zu den „gewöhnlichen“ Personendaten. Man wird vom Nutzer und einfachen Surfer zum Vermarktungsobjekt und erhält massgeschneiderte Werbung aufgeschaltet. So werden auch immer wieder die grossen Internet-Firmen wie Google und Facebook für den zu „geschäftstüchtigen“ Umgang mit den Personendaten kritisiert (Kremer, 2015).

Das Recht der informationellen Selbstbestimmung ermöglicht einem, selber zu entscheiden, wann und wo man welche Daten über sich preisgeben möchte. Doch vielen ist nicht bewusst, was es heisst, wenn sie ihre persönlichen Fotos auf Social Media-Kanälen verbreiten und was das für Auswirkungen haben kann. Der Freund meines Freundes kann meine persönlichen Fotos sehen (wenn ich das nicht in den Sicherheitseinstellungen ändere) und dieser ist vielleicht mit meinem Chef befreundet. Möchte ich wirklich, dass gerade mein Chef davon erfährt, was ich am Wochenende gemacht habe und ein vielleicht sehr unpassendes Bild von mir findet?

Auch die Geheimdienste stehen vermehrt in den Schlagzeilen für ihren „unverhältnismässigen Eingriff in den Datenschutz“ – die Überwachung des einzelnen Bürgers hat aufgrund von Terrorattacken eine neue Wichtigkeit erhalten (Kremer, 2015). Doch wie viel Überwachung ist dabei zu viel? Wo muss auch der Staat seine Grenzen ziehen?

Laut einer Amerikanischen Studie führt die staatliche Überwachung sogar schon zu Selbstzensur im Internet. Persönliche Meinungen werden angepasst, aus Angst vor einer möglichen Überwachung durch den eigenen Staat.

Wohin führt uns denn das Ganze?

Mehr und mehr appellieren auch die Behörden an den Schutz der Personendaten im Netz und versuchen, die Bürgerinnen und Bürger aufzuklären. (Die Behörden selber besitzen allerlei Informationen über uns Bürger – beim Beobachter kann man lesen, was sie damit tun). Der Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich beispielsweise hat im Januar dieses Jahres YoutuberInnen dazu aufgerufen, ihre Erfahrungen mit dem Datenschutz und der Privatsphäre in einem Film darzustellen. Zahlreiche Videos sind das Resultat des Aufrufs, wobei man hier das Siegervideo schauen kann:

Selber ist der Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich auch seit kurzem mit einem eigenen Kanal auf Youtube präsent. Neben den öffentlichen Institutionen treten auch Private immer mehr mit informativen Plattformen zur eigenen Sicherheit im Netz auf. Auf dem Infoportal ID Kompass der Bundesdruckerei findet man thematische Artikel und nützliche Tipps und Tricks im Umgang mit dem Datenschutz, aber auch allgemeine Informationen zum Thema Sicherheit im Netz.

Wird es helfen, die Digital Natives auf einen bewussteren Umgang mit ihren Daten im Internet aufmerksam zu machen? Oder werden die Individuen 4.0 ganz anders zum Thema Datenschutz und Privatsphäre stehen?

Das „zentrale Ich“ als Marktobjekt

Der neue Trend ist eine „Zentralisierung der Identität“, wobei Facebook und Google die Vorreiter sind: Die einmalige Eingabe des Logins bei Google ermöglicht ein gemütliches Switchen zwischen den betriebsinternen Diensten und dank dem Plug-In „Facebook-Connect“ kann man sich auf einer beliebigen Seite einfach und bequem über seinen Facebook-Account einloggen und seine „Likes“ sofort und überall mit seinen Facebook-Freunden teilen. (Tagesspiegel, 2011)

Die „zentrale Ich-Identität“ scheint die Kommunikation im Netz für die Nutzer regelrecht zu vereinfachen. Und was haben Google und Facebook davon: Ein saftiges Bündel persönlicher Daten für die Marktforschung. Denn „[j]e mehr Daten, Traffic und Kommunikation in einem Account gebündelt werden, desto wertvoller und vermarktbarer ist es“ (ebd.).

Das Individuum wird zum Zielobjekt heutiger Marktforschung, die Individualisierung zum ökonomischen Prinzip (zukunftsinstitut). Jeder click, jeder „Like“, jeder Besuch auf einer Webseite hinterlässt Spuren. Spuren, die verfolgt und ausgewertet werden, damit man beim nächsten Besuch mit der gewünschten Werbung begrüsst wird. „Mit den zunehmenden Möglichkeiten, wie sich Menschen in ihrer Persönlichkeit ausdrücken und erleben können, wächst auch die Bedeutung, die der Individualität beigemessen wird“ (ebd.).

Darüber sollten wir uns eigentlich freuen, denn so erhalten wir nur noch die Werbung, die uns auch interessiert. Die Suchmaschinen schlagen uns bereits vor, wonach wir suchen und mit der „zentralen Ich-Identität“ gleiten wir beinahe geräuschlos durchs Internet. Dass aber die Sammlung der eigenen Daten zu einer „Meta-Identität“ im Hintergrund genauso geräuschlos verläuft, scheint doch noch nicht allen Nutzern bewusst zu sein. Thoma Tuma, Spiegel Journalist, schreibt in seinem Artikel Internet: Kampf ums Ich: „Meine Zukunft wird eine algorithmische Ableitung der Vergangenheit. Aus diesen Online-Splittern meiner selbst ziehen die Unternehmen Schlüsse, mit denen sie wiederum mich beeinflussen.“ Tuma nennt die Online-Identität auch „Zweites-Ich“, dessen Leben im Netz viel exponierter ist und dessen möglicher Identitätsklau oder auch Image-Schaden einfacher und schneller geschieht. „Das Internet vergisst eigentlich nichts“ (Tuma, 2010).

Und wer bestimmt Googles Relevance-Ranking? Wie gross ist unsere Entscheidungsmacht darüber, was wir suchen, wenn uns Google vorschlägt, was am meisten gelesen, am meisten angeklickt wird? Ist das der sogenannte Konsument 4.0 – jener, der nur noch darauf wartet, anhand rechnerischer Antworten der eigenen E-Identity, zu entscheiden, was er konsumieren möchte?

Wer sind wir denn noch im Netz der Identitäten, die einerseits Eigenkreationen, andererseits durch Suchmaschinen zusammengetragene algorithmische Schlussfolgerungen und Muster unserer Bewegungen im Deep-Web  darstellen? Wie können wir uns dagegen wehren und warum sagt uns das niemand?

Tuma spricht es an und meint, „Wir sind anders, doch das können wir nur unter Beweis stellen, wenn wir künftig mitentscheiden dürfen, was über uns sortiert und wie lange es wo archiviert wird. Freiheit ist auch die Freiheit, sich zu verweigern […]. Es sollte darum gehen, dass wir vor allem bei privatesten Daten erlauben müssen, was damit geschieht“ (Tuma, 2010).

Verweigern wir uns doch dem Internet einmal und übernehmen wir Verantwortung zum Schutz unserer persönlichen Daten. Auf der Seite des Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten erfährt man wie (EDÖB, OJ).

E-Identity: Anonymität oder Authentizität im Internet?

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„On the Internet, nobody knows you’re a dog.“   (Steiner, 1993)*

 

„Das Internet bietet die Möglichkeit, jene Identität aus dem realen Leben, die sich über die Jahre verfestigt hat und der wir kaum mehr entfliehen können, im virtuellen Raum neu zu konstruieren, sie punktuell oder radikal zu verändern. Es ist eine Chance, die eigene Identität weiterzuentwickeln. Mit der Gefahr der Persönlichkeitsspaltung“, schreibt David Bauer in seinem Buch Kurzbefehl. Der Kompass für das digitale Leben (Bauer, 2010).

Das Web 2.0 eröffnete uns die Möglichkeit einer ersten aktiven Beteiligung am World Wide Web. Die Gelegenheit, mit anderen Menschen weltweit in Kontakt zu treten, war der erste Schritt in die Anonymität einer Welt, die man nicht kannte. Die Auswahl einer Identität war gross und Pseudonyme zu verwenden, war ein Ding der Alltäglichkeit – niemand kannte sein Gegenüber in den Foren und auf Kommunikationsplattformen. Das Bedürfnis, sich der Welt zu zeigen und seine eigene Identität nicht nur analog sondern auch digital preiszugeben, wuchs. Wen man dabei ‚verkörperte‘, war unwichtig.

Doch immer mehr Stimmen riefen zur Authentizität auf: Der rasante Zuwachs an Inhalten im Internet durch die Beiträge all jener, die nun mitwirken konnten und wollten, förderte das Deep Web und die schier unfassbare Grösse des heutigen Internets – und stellte dabei die Glaubwürdigkeit des Einzelnen in Frage. „Die Pseudonymität öffnete die Türen weit für pöbelnde Trolle und Fake-Identitäten. Kaum verwunderlich, dass um die Jahrtausendwende Online-Dienste auftauchten, die auf ein authentisches Auftreten im Internet bestanden“ (zukunftsinstitut, OJ).

So wechselte der Traum von der Schaffung einer neuen Identität zum Wunsch nach einer realen Selbstdarstellung. Das Offline-Ich wurde zum Online-Ich. Mit dem Erscheinen vom Social Media-Giganten Facebook wurde die mediale Selbstinszenierung nicht nur ermöglicht, sondern auch gefördert. Das Facebook-Profil als Lebensdokumentation. Wen das interessieren könnte war dabei irrelevant. Aber die Welt sollte davon wissen – beinahe schon in Echtzeit.

„Das Netz ist so tief in unseren Alltag eingedrungen, dass wir logischerweise das Bedürfnis haben, dort mit unserer ‚alten‘ Person unterwegs zu sein“, sagt Benjamin Jörissen, Medienwissenschaftler an der Uni Magdeburg dem Tagesspiegel (Herbold, 2011). Die Meinung, dass viele Nutzer einen Wunsch nach Authentizität haben und deshalb eine Identität mit ihrem echten Namen bevorzugen, teilt er nicht, es habe „[e]her damit [zu tun], dass die Trennung von Offline und Online nicht mehr existiert“ (ebd.).

Ist dies denn nun die Authentizität, die man sich erhoffte? Den Alltag eines jeden zu erfahren und erforschen? Die Verschmelzung von Welten, von Öffentlichkeit und Privatsphäre? Bedeutet die heutige Online-Authentizität, sein Innerstes allen konstant preiszugeben?

 

 

 

*1993 wurde Peter Steiners Cartoon im The New Yorker erstmals gedruckt. 20 Jahre später gilt er als ihr meist reproduzierter Comic. Damals stiess das auf wenig Resonanz, umso mehr wird er heute als passendes Abbild der Gesellschaft verwendet. (The Washington Post, 2013)