Digitaler Kontrollverlust: Transparenz versus Sicherheit

Michael Seemann ist überzeugt, dass wir alle bereits die Kontrolle über unsere Daten verloren haben und sie auch niemals wiedererlangen werden. In seinem Blog Ctrl+Verlust schreibt er zu diesem Thema: „Ich glaube daran, dass man, sobald man sich äußert, nicht mehr in [der] Hand hat, was mit dieser Äußerung geschieht. Nicht nur, aber ganz besonders im Internet.“

Für ihn gibt es drei Gründe für den digitalen Kontrollverlust:

Die Allgegenwart von Aufzeichnungsgeräten verknüpft die digitale Welt immer enger mit der analogen. Ist man Teil der Welt, wird man Teil des Internets sein. […]

Das Internet hat die Transaktionskosten für Information enorm gesenkt und tut es weiter. «Leaken» ist sozusagen die Standardeinstellung des Netzes.               […]

Daten werden übermorgen für Verknüpfungen offener sein als morgen.

2014 hat er aus den Ideen und Texten seines Blogs ein Buch gemacht: „Das Neue Spiel – Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust“ (welches auch als PDF verfügbar ist). Darin beschreibt er den Umbruch, in dem wir uns befinden und in dem unser Verständnis von Freiheit bedroht ist vom Kontrollverlust. In diesem „Spiel“ geht es darum, sich an ein neues Denken, auf eine radikal neue Ethik einzulassen und die eigene Freiheit an anderen Orten zu suchen. Dazu soll man sich „von der Angst vorm Kontrollverlust befreien, aus den neuen Gegebenheiten eine neue, vielleicht ehrlichere und offenere Gesellschaft formen können. Vielleicht sogar eine freundlichere.“ (Seemann, 2010)

Eine ehrlichere und offenere Gesellschaft – ist das überhaupt möglich? Oder vielleicht eher etwas naiv?

In der heutigen Internetära, wo Menschen die persönlichsten Dinge auf Facebook, Twitter oder Youtube teilen, wo Wikileaks und Whistleblower Staatsgeheimnisse an die Öffentlichkeit preisgeben und wo Hackerattacken, Cyber-Mobbing oder Shitstorms bereits alltäglich sind, soll die Gesellschaft noch offener und ehrlicher werden?

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Hier findet man die Whistleblower-Plattform des Beobachters: sichermelden.ch (Bild: Thinkstock Kollektion, Beobachter)

Auch padeluun, Künstler und langjähriger Netzaktivist, behauptet, dass Datensicherheit eine Illusion ist. Jedoch sieht er gerade deshalb den Datenschutz als Voraussetzung dafür, Sicherheitsprobleme im Netz zu vermeiden. Er appelliert auch an öffentliche Institutionen, möglichst keine Daten zu speichern, ausser wenn dies unausweichlich ist, und dann nur jene, die wirklich benötigt werden. Das Wichtigste dabei sei, dass sich die Entscheider in Institutionen wie Bibliotheken permanent weiterbilden, um zu verstehen, warum diese Daten so schützenswert sind. (BuB Forum Bibliothek und Information, 2015)

Zusammen mit der Künstlerin Rena Tangens gründete padeluun den Datenschutzverein „Digital Courage“. Auf der Webseite findet man alles rund um das Thema Datenschutz und Bürgerrechte. Unter der Rubrik „Digitale Selbsverteidigung“ erhält man Informationen zu den aktuell sichersten Kommunikationsmitteln, wie und warum man Nachrichten verschlüsselt, wie Unternehmen und Organisationen sich schützen können und was es heisst, digital mündig zu sein.

Christian S. Jensen, Präsident der Leitungsgruppe von NFP 75 „Big Data“, sieht einen Ausgleich zwischen Datenaustausch und Datenschutz als zentral für die Weiterentwicklung zukünftiger Technologien. „Es ist schwierig, Bereiche zu identifizieren, in denen Daten nicht zur Schaffung von Mehrwert eingesetzt werden können. Aber Anwendungen sind nur dann erfolgreich, wenn sie von der Zielgruppe auch begrüsst werden.“ (Big Data 75)

Wo aber liegt diese Grenze?

Vielleicht werden die Individuen 4.0 diesen Diskurs führen. Werden sie, wie Seeman plädiert, den Verlust der Datenkontrolle akzeptieren oder sich für einen stärkeren Schutz der Daten, im Sinne von padeluun einsetzen? Eine klare und eindeutige Antwort wird es nicht geben. Aber hoffentlich wird sich ein Bewusstsein für die Wichtigkeit des Schutzes der eigenen Daten im Netz entwickeln und ein Ausgleich zwischen Datenaustausch und Datenschutz angestrebt.

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