E-Identity: Anonymität oder Authentizität im Internet?

steiner_internet_dog
„On the Internet, nobody knows you’re a dog.“   (Steiner, 1993)*

 

„Das Internet bietet die Möglichkeit, jene Identität aus dem realen Leben, die sich über die Jahre verfestigt hat und der wir kaum mehr entfliehen können, im virtuellen Raum neu zu konstruieren, sie punktuell oder radikal zu verändern. Es ist eine Chance, die eigene Identität weiterzuentwickeln. Mit der Gefahr der Persönlichkeitsspaltung“, schreibt David Bauer in seinem Buch Kurzbefehl. Der Kompass für das digitale Leben (Bauer, 2010).

Das Web 2.0 eröffnete uns die Möglichkeit einer ersten aktiven Beteiligung am World Wide Web. Die Gelegenheit, mit anderen Menschen weltweit in Kontakt zu treten, war der erste Schritt in die Anonymität einer Welt, die man nicht kannte. Die Auswahl einer Identität war gross und Pseudonyme zu verwenden, war ein Ding der Alltäglichkeit – niemand kannte sein Gegenüber in den Foren und auf Kommunikationsplattformen. Das Bedürfnis, sich der Welt zu zeigen und seine eigene Identität nicht nur analog sondern auch digital preiszugeben, wuchs. Wen man dabei ‚verkörperte‘, war unwichtig.

Doch immer mehr Stimmen riefen zur Authentizität auf: Der rasante Zuwachs an Inhalten im Internet durch die Beiträge all jener, die nun mitwirken konnten und wollten, förderte das Deep Web und die schier unfassbare Grösse des heutigen Internets – und stellte dabei die Glaubwürdigkeit des Einzelnen in Frage. „Die Pseudonymität öffnete die Türen weit für pöbelnde Trolle und Fake-Identitäten. Kaum verwunderlich, dass um die Jahrtausendwende Online-Dienste auftauchten, die auf ein authentisches Auftreten im Internet bestanden“ (zukunftsinstitut, OJ).

So wechselte der Traum von der Schaffung einer neuen Identität zum Wunsch nach einer realen Selbstdarstellung. Das Offline-Ich wurde zum Online-Ich. Mit dem Erscheinen vom Social Media-Giganten Facebook wurde die mediale Selbstinszenierung nicht nur ermöglicht, sondern auch gefördert. Das Facebook-Profil als Lebensdokumentation. Wen das interessieren könnte war dabei irrelevant. Aber die Welt sollte davon wissen – beinahe schon in Echtzeit.

„Das Netz ist so tief in unseren Alltag eingedrungen, dass wir logischerweise das Bedürfnis haben, dort mit unserer ‚alten‘ Person unterwegs zu sein“, sagt Benjamin Jörissen, Medienwissenschaftler an der Uni Magdeburg dem Tagesspiegel (Herbold, 2011). Die Meinung, dass viele Nutzer einen Wunsch nach Authentizität haben und deshalb eine Identität mit ihrem echten Namen bevorzugen, teilt er nicht, es habe „[e]her damit [zu tun], dass die Trennung von Offline und Online nicht mehr existiert“ (ebd.).

Ist dies denn nun die Authentizität, die man sich erhoffte? Den Alltag eines jeden zu erfahren und erforschen? Die Verschmelzung von Welten, von Öffentlichkeit und Privatsphäre? Bedeutet die heutige Online-Authentizität, sein Innerstes allen konstant preiszugeben?

 

 

 

*1993 wurde Peter Steiners Cartoon im The New Yorker erstmals gedruckt. 20 Jahre später gilt er als ihr meist reproduzierter Comic. Damals stiess das auf wenig Resonanz, umso mehr wird er heute als passendes Abbild der Gesellschaft verwendet. (The Washington Post, 2013)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s